Lost In Space - Kölner Sternfahrt gegen Radwege

Radfahrer ungeschützt vom Schutzstreifen

Radfahrer ungeschützt vom Schutzstreifen

Ob alle Teilnehmer der Kölner Sternfahrt 2016 wissen, dass sie bei einer Demonstration gegen Radwege mitfahren? Die Sternfahrt war lange eine Konsensfahrt für alle, die mehr Radverkehr in Köln wollen, ob mit oder ohne Separierung vom Autoverkehr. Das gilt leider nicht mehr.

Früher fand ich die Kölner Sternfahrt richtig gut. Hier konnte jeder mitfahren, sogar Leute, denen das Radfahren in Köln das übrige Jahr hindurch zu gefährlich war. Auch Befürworter einer möglichst weitgehenden Separierung des Radverkehrs vom Autoverkehr waren eingeschlossen.

In den vergangenen Jahren kündigte es sich aber schon an, spätestens mit der 9. Auflage in diesem Jahr ist es durchgesetzt: Die Organisatoren der Sternfahrt haben sich auf die Seite der Anti-Radweg-Kritiker geschlagen, die damit in Köln nun eine geschlossene Front bilden. Ob bei den Gruppierungen im Stadtrat oder bei den meisten Initiativen, fast überall lautet unterschwellig das Credo: Radwege sind gefährlich, weg damit!

Wie üblich wird die Forderung nach Abschaffung der Radwege schlecht versteckt hinter der vorgeschobenen Forderung nach Abschaffung der Radwegebenutzungspflicht:

"Wir brauchen mehr Sicherheit auf unserem Weg durch die Stadt. Darum muss die Benutzungspflicht für (die meisten) separaten Radwege abseits der Straße aufgehoben werden." (Aufruf zur 9. Kölner Sternfahrt)

Dass eine Abschaffung der Benutzungspflicht das Radfahren kein bisschen sicherer macht, sollten die Sternfahrer wissen. Denn selbst die immer wieder als Kronzeugin gegen Radwege zitierte Studie BASt V184 zu "Unfallrisiko, Konfliktpotential und Akzeptanz der Verkehrsregelungen von Fahrradfahrern" der Bundesanstalt für Straßenwesen fand heraus:

"Ob bauliche Radwege als benutzungspflichtig ausgewiesen sind oder nicht, ist für die Unfallbelastung des Radverkehrs und für die Flächennutzung fast aller Radfahrer nicht ausschlaggebend."

Das überwältigende Gros der Radfahrer benutzt einen Radweg unabhängig von der Benutzungspflicht. Wären Radwege wirklich a priori so unsicher wie oft behauptet, würde nur deren völliger Rückbau den Radverkehr sicherer machen. Deshalb steckt schon hinter der pauschalen Forderung nach Abschaffung der Benutzungspflicht fast immer die nach Abschaffung des Radwegs selbst.

Radfahrer auf die Straße zwingen

Weiter geht's im Sternfahrerlogbuch (aka Pressmitteilung):

"In der Stadt gehören die Fahrräder auf die Straße, und zwar vom Autoverkehr geschützt durch Radfahrstreifen, Schutzstreifen oder gleich auf Fahrradstraßen."

Man beachte: Schutz durch Radwege fehlt in der Aufzählung, denn der kann nicht schützen, ist er doch der Schuldige:

"Baulich abgesetzte Radwege stellen in vielen Fällen ein höheres Unfallrisiko dar als die Führung des Radverkehrs auf der Fahrbahn."

Gegen das schwammige "in vielen Fällen" kann man schwer argumentieren, also schauen wir auch hier mal, was die wirklich radwegkritische BASt-Studie dazu sagt:

"Sowohl Radwege als auch Radfahrstreifen und Schutzstreifen können bei Beachtung wesentlicher sicherheitsrelevanter Entwurfsmerkmale und betrieblicher Anforderungen verkehrssicher gestaltet werden."

Dass es in den gar nicht so weit von Köln entfernten Niederlanden auch die vielen separaten Radwege waren, die das Radfahren so sicher gemacht haben, wie sonst nirgendwo auf der Welt, ist den Sternfahrern natürlich unbekannt.

Woher kommt nur diese grundsätzliche Ablehnung des Radwegs? Ist sie wirklich nötig im Aufruf zu einer Fahrraddemo, die früher mal inklusiv alle Radfahrer ansprechen konnte?

Sieht man sich die internationalen Erfahrungen der letzten 40 Jahre im Ganzen an, so zeigt sich überall, dass die erfolgreichste Maßnahme zur Förderung des Radverkehrs dessen saubere Trennung von Fuß- und Autoverkehr ist - und genau das wird hier in Köln (und in praktisch ganz Deutschland) in den letzten zwei Jahrzehnten stark vernachlässigt. Insbesondere über den separierten Radweg wurde in den vergangenen Jahren und wird bei der Sternfahrt schon wieder soviel Abscheu geschüttet, da muss man schon großen Mut mitbringen, wenn man seine Bedeutung im Vokabular einer radfreundlichen Verkehrsplanung verteidigt.

Scheinrebellen auf zwei Rädern

Für mich ist wirklich erschütternd, wie gleichgeschaltet viele privat und beruflich am Radverkehr interessierten Kölner inzwischen gegen Radwege agieren. Auch wenn sich Demonstrationen wie Sternfahrt oder Critical Mass gerne rebellisch und widerständig geben, sind sie bei diesem Thema geprägt von staatstragender Unterwürfigkeit. Man demonstriert exakt für das, was von der Stadt seit Jahren vorexerziert wird, nachzulesen etwa im jährlichen Maßnahmenbericht des Fahrradbeauftragten. Hier steht schon seit 2012 fast wortgleich das als Maßnahme oder Plan, was Motto der Sternfahrt 2016 ist:

"Es wird perspektivisch weniger bauliche Radwege, dafür aber vermehrt Schutzstreifen und andere fahrradfreundliche Markierungen im Straßenraum geben. Es wird der Regelfall sein, dass der Radverkehr auf der Fahrbahn und damit im Blickfeld des motorisierten Verkehrs stattfindet."

Dass Staat und Fußvolk sich nicht immer so einig sein müssen wie in Köln, zeigt derzeit ausgerechnet Berlin, wo der Volksentscheid Fahrrad mit gar nicht so exotischen Forderungen (wie Radinfrastruktur an jeder Hauptstraße) einen Streit mit dem Senat vom Zaun gebrochen hat. Wie es die Entscheid-Organisatoren geschafft haben, das Wort "Radwegebenutzungspflicht" aus ihrem Gesetzentwurf rauszuhalten, obwohl es in Berlin ja dieselben Radwegkritiker gibt wie in Köln, das würde ich Initiator Heinrich Strößenreuther gerne mal fragen. Gelegenheit wäre bei der RADKOMM 2016 am Tag vor der Sternfahrt. Ob ich mich angesichts der allgemein herrschenden Anti-Radweg-Stimmung da wieder hintraue, weiß ich noch nicht. Es wird davon abhängen, wie dick meine Haut am Samstag ist. Denn auf Dauer ist ein Zwei-Frontenkrieg natürlich nicht hilfreich - der Konsens gegen Radwege aber auch nicht.

Category: Bike
Tags: bike bicyle radwege sicherheit